Donnerstag, 28. April 2016

Warum ein Hufabdruck im Sand mich zum Weinen bringt


   Einige neue Erkenntnisse und Gedanken zu den möglichen Gründen
am Ende dieses Posts.

  

  Am Wochenende habe ich ein Beistelltischchen aus einer alten
Apfelkiste "gebaut" und eine weitere Wand (teilweise) schwarz angemalt.
Diesmal in der Ferienwohnung.
(Der Post zur ersten schwarzen Wand HIER)


 
 


  Es geht langsam voran und hier hat sich im letzten Jahr gar nichts getan.
Aber ich habe beschlossen, mir immer wenn diese Gedanken kommen, selber zu sagen:
Ich werde fertig!!! Schritt für Schritt!!!
Und über jeden dieser Schritte möchte ich mich freuen.
Also, die Türverkleidung ist noch nicht,
ABER die Wand gespachtelt und gestrichen!


 

  Die Schräge ist noch nicht ein 2. Mal gestrichen,
ABER die Truhe vom Sperrmüll wieder schön schwarz. Sie war ganz angestoßen und zerkratzt.
UND es gibt ein neues kleines Tischchen für Kaffeetasse und Buch.



  Die obersten Bretter entfernt, alles schön abgeschliffen, aber so, dass der Schriftzug erhalten blieb.
Kleine weiße Füßchen.


  Und Zweige aus dem Garten, trotz Minusgraden und grauer Wolken!

 

2013 bin ich jeden Monat ein Wochenende an die Ostsee gefahren.
Zeit für  mich allein zum Lesen, Beten, Nachdenken, Hören, genießen...
....das hat mir so gut getan.
Dachte dann, ach, das kannst du zu Hause auch, aber das stimmt nicht.
Ich nehme mir die Zeit im Alltag so eben doch nicht.




Das erste "Ein Raum für mich"- Wochenende nach langer Zeit habe ich genutzt,
um folgendes Buch zu lesen:
 
Kriegserbe in der Seele
von Udo Baer und Gabriele Frick-Baer
Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft



(Die anderen "Raum für mich"-Posts findet ihr unter dem entsprechenden Label.)
 
Die letzten 4 Jahre habe ich viel angeschaut aus meinem Leben,
viel gelesen, Fortbildungen besucht, viele Gespräche gehabt.
Vieles hat sich verändert, verstehe ich jetzt besser, ist heil geworden.
ABER
Immer wieder auch in den Gesprächen sind wir auf so viel Traurigkeit,
unerklärliche Sehnsuchtsgefühle und tiefsitzende Ängste getroffen, die
ich mit meiner Biografie in ihrem Ausmaß nicht erklären kann.

Warum überfällt (überfiel) mich ein Gefühl von so tiefer Traurigkeit, Sehnsucht,
gemischt mit Angst und Verzweiflung, wenn ich wegfahre. Egal, ob ich allein fahre oder
mit Familie, egal, ob von zu Hause weg oder wieder aus dem Urlaub nach Hause zurück.
Ich habe dieses Gefühl "Ekelgefühl" genannt.
Warum überfällt mich eine unglaubliche Sehnsucht und Traurigkeit, wenn ich
Hufabdrücke im Sand sehe? Allein mit meiner Pferdeverliebtheit als Kind und dem
nicht wirklich reiten dürfen lässt sich das nicht erklären. Ich empfinde es als zu stark,
 dem Anlass nicht angemessen.
Warum überfiel  mich Panik, wenn ich nachts aufwachte und der Platz neben mir
im Bett war leer? Jeden Morgen musste ich mich als erstes vergewissern, dass Mann, Kind, Kaninchen und Hund noch atmen und leben.
Was für eine Last!!!
 in meinem Leben und in dem der Menschen und Tiere
die mit mir leben. Immer wissen zu wollen, zu müssen, wo die anderen sind und dass
sie noch leben. Ich habe mich immer gefragt, warum ich mir nicht "normal" Sorgen
machen kann. Warum es immer  um Tod und Leben geht.
Ich hasse diese Kontrolle und fühlte mich ihr doch hilflos ausgeliefert.


Was gehört zu MIR und was gehört zu meinen Vorfahren und DEREN Erleben (im Krieg)?
Wie komme ich dem auf die Spur und was kann mir helfen?
Wie erklärt sich diese (Kriegs-)Traumata-Weitergabe über die Generationen?
Darum geht es in dem Buch.
In mein heutiges Leben passen diese Ängste nicht.
Aber was mag meine Großmutter an Ängsten und Gefühlen bewegt haben
als sie mit meinen Vater mit 2 Jahren nach Ostpreußen zu ihrer Mutter geschickt hat,
um ihn vor den Bomben zu schützen, die Hamburg zerstört haben.
Was mag meine Urgroßmutter ausgestanden haben, die nicht wusste,
ob die  Eltern des Kindes die Bombennächte überlebt haben.
Was mit dem kleinen Jungen, der nach 2 Jahren der Trennung beim Wiedersehen gefragt hat,
wer die fremde Frau  (seine Mutter!) sei?!
Niemand hat darüber je gesprochen.

Und die Sehnsucht und Traurigkeit in mir beim Anblick eines Hufabdruckes im Sand?
Ist es meine eigene?
Oder die Sehnsucht und Traurigkeit nach dem Hof, den Pferden, der Heimat, des Zu Hauses
nach dem Leben das sie in Ostpreußen zurücklassen mussten?
Vieles wird sich mischen, aber ich bin mir sicher, dass nicht alles von meinen
Gefühlen wirklich zu mir gehört.
Das "Ekelgefühl" ist fast vollständig verschwunden nachdem ich in einer Therapiestunde
die kleine Playmobil-Figur, die meine Urgroßmutter symbolisierte, (zu der ich eine sehr starke Bindung hatte,) "begraben" habe.
Tatsächlich mit echtem Loch im Garten, Playmobilfigur rein. Sand drauf.
Ich konnte mich verabschieden, habe ihr aber auch alle Gefühle und Aufträge zurückgeben
können, die IHR gehörten. Nicht mir! Die Seelenbindung durchtrennt.
Kein Ekelgefühl mehr!

Das Buch macht mir Mut, dem nachzuspüren, nachzufragen was meine
Familie, meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern im Krieg erlebt haben.
Mehr Verständnis für ihr Verhalten aber auch für mein eigenes zu entwickeln.
Zur Seite zu treten und klar zu benennen, was nicht zu mir gehört.
Was ich anders leben möchte in Zukunft.
Es hat mit viel erklärt, was ich "wusste" aber nie hätte in Worte fassen können.

 Vor genau einem Jahr habe ich meinen Herzensgarten gemalt.
Hier ein Ausschnitt daraus:


Ein Teenager in einem viel zu kleinen, viel zu dunklem Garten. Mit einem viel zu großen Baum,
der alles eigene Pflanzen und Gestalten unmöglich macht. Ich habe ihn Baum der Machtlosigkeit genannt und dazu geschrieben: "Der ist da auch nicht erst seit gestern....ich fühle mich fremd,
jemand hat einen viel zu großen Baum gepflanzt...."
Erstaunlich wieviel wir über uns wissen, ohne wirklich Zugang dazu zu haben.
Und wie großartig, dem durch kreative Ausdrucksmöglichkeiten auf die Spur kommen zu können.



Warum ich das alles hier schreibe? Öffentlich?
Ich möchte Mut machen.
Ich glaube es hilft MIR. Meine Gedanken zu sortieren und in Worte zu fassen.
Mir dabei Mühe zu geben, mir Zeit zu nehmen, es zu Ende zu schreiben.
Das würde ich ohne Blog vielleicht nicht tun.


 Ich wünsche mir, dieses Versprechen Gottes in meinem Leben
und in dem meiner Familie Wirklichkeit werden zu sehen.











   Wie geht es EUCH damit?
Liebste Grüße von
Julia









verlinkt mit
  RUMS






  

Kommentare:

nadelhaft hat gesagt…

Liebe Julia,

Du fragst, wie es mir damit geht?
Welch ein BERG! Was für ein riesiges Thema... riesiiiiggggg
Beängstigend, nicht sofort greifbar - muss oder will ich daran rühren?
Wahnsinn!
Und super schön zu lesen, dass sich Knoten bei Dir lösen, sich neue und gute Wege auftun - Ermutigung pur!
Vielen Dank für das Teilen Deiner Gedanken und Erfahrungen.

Und über den fehlenden 2. Wandanstrich musst Du Dich nun wirklich nicht grämen <3!
Liebe Grüße von Wenke

Très Julie hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Très Julie hat gesagt…

Liebe Wenke!
Ich glaube, dass es Sinn machen kann, daran zu rühren, wenn es konkrete Not im Leben gibt mit der ich nicht weiterleben möchte und die ich vor allem nicht an die nächste Generation wieder weitergeben möchte.
An einer Stelle im Buch steht. "Es reicht!" Ja, es reicht!


Liebste Grüße